Der Umgang mit Agrarkunststoffen ist in ganz Europa eine praktische Herausforderung. Materialien wie Silo- und Stretchfolien, Netze und Garne sind aus der modernen Landwirtschaft nicht wegzudenken. Ihre Sammlung und Verwertung hängt jedoch maßgeblich von funktionierenden lokalen Strukturen ab. Praxisbeispiele liefern deshalb wertvolle Einblicke, welche Voraussetzungen Kreislaufwirtschaft „vor Ort“ tatsächlich gelingen lassen. Ein konkretes Beispiel dafür bietet das ERDE-System in Deutschland.
Die deutsche Initiative ERDE (Erntekunststoffe Recycling DEutschland) ist ein bundesweites Rücknahme- und Verwertungssystem für Agrarkunststoffe. ERDE ist unter dem Dach der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK) organisiert und wird von RIGK betrieben. Das freiwillige, von der Industrie getragene System verbindet die Finanzierung durch Hersteller mit dezentralen Sammelstrukturen und etablierten Verwertungswegen. Besonders deutlich wird seine Wirksamkeit auf lokaler Ebene.
Ein Besuch beim Lohnunternehmen Stolte in Willebadessen zeigt, wie das System in der Praxis funktioniert. An den Sammeltagen bringen Landwirtinnen und Landwirte gebrauchte Agrarkunststoffe – etwa Silo- und Stretchfolien oder Netze – bereits nach Materialarten sortiert zur Sammelstelle. Vor Ort werden die Materialien angenommen, gebündelt und für den Transport zu den Recyclinganlagen vorbereitet.
Lohnunternehmen übernehmen dabei eine zentrale operative Rolle. Sie organisieren Sammelstellen, koordinieren die Logistik und stehen im direkten Austausch mit den landwirtschaftlichen Betrieben. Ihr Verständnis für die Anforderungen des landwirtschaftlichen Alltags ermöglicht eine effiziente Organisation und hohe Beteiligungsquoten. Die Zusammenarbeit mit Netzwerken von Lohnunternehmen, etwa dem Bundesverband Lohnunternehmen (BLU), stärkt diesen Ansatz zusätzlich, da die Sammelaktivitäten in bestehende landwirtschaftliche Strukturen eingebettet werden.
Das Beispiel Stolte macht zwei zentrale Erfolgsfaktoren deutlich: Erreichbarkeit und Kommunikation. Landwirtinnen und Landwirte berichten, dass kurze Wege zu den Sammelstellen und klar kommunizierte Sammeltermine entscheidend für die Teilnahme sind. In der Praxis setzen Lohnunternehmen dabei zunehmend auf direkte Kommunikationswege, auch mithilfe digitaler Tools, um ihre Kundinnen und Kunden zu informieren. Sind Informationen rechtzeitig verfügbar und Abläufe einfach gestaltet, wird die Rückgabe gebrauchter Kunststoffe zu einem selbstverständlichen Bestandteil des landwirtschaftlichen Alltags.
Diese lokale Perspektive spiegelt den grundsätzlichen Systemansatz wider: Nach ERDE-Angaben verfügt das System im Jahr 2026 über mehr als 700 Sammelstellen und arbeitet mit über 160 Partnern zusammen. So wird eine breite Flächenabdeckung und eine praxisnahe Erreichbarkeit sichergestellt.
Nach der Sammlung werden die Materialien von spezialisierten Recyclingpartnern weiterverarbeitet. Voraussetzung für ein effizientes Recycling ist die sortenreine Trennung: Die separate Erfassung von Folien, Netzen und Garnen verbessert die Materialqualität und ermöglicht höherwertige Anwendungen für die entstehenden Rezyklate. Durch diesen strukturierten Ansatz können Agrarkunststoffe als Sekundärrohstoffe wieder in die Produktion zurückgeführt werden – ein Schritt weg von reiner Abfallbewirtschaftung hin zu einem funktionierenden Stoffkreislauf.
Die praktische Umsetzung führt zu messbaren Ergebnissen. Nach den ERDE-Zahlen für 2025 wurden innerhalb des Systems 37.342 Tonnen Agrarkunststoffe gesammelt und verwertet. Dadurch konnten rund 37.042 Tonnen CO₂-Äquivalente eingespart werden. Diese Ergebnisse zeigen deutlich: Das ERDE-System funktioniert in der Praxis dann besonders gut, wenn alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette ineinandergreifen.
Der Fall Stolte zeigt zugleich, welche grundsätzlichen Lehren sich für das Recycling von Agrarkunststoffen ableiten lassen:
Diese Elemente sind nicht auf ein einzelnes Land beschränkt, sondern können auch darüber hinaus als Orientierung für die Systemgestaltung dienen.
Wie wichtig praktische Erfahrungen sind, zeigt sich auch im zunehmenden internationalen Austausch zwischen Rücknahmesystemen. Beim European National Collection and Recycling Schemes Meeting in Irsee am 19. und 20. März diskutierten Akteure aus ganz Europa operative Ansätze und tauschten Best Practices aus. Der Dialog macht eines deutlich: Wirksame Kreislauflösungen für Agrarkunststoffe entstehen weniger durch theoretische Modelle als durch verlässliche Umsetzung in der Praxis.
Das ERDE-System zeigt, dass Kreislaufwirtschaft in der Landwirtschaft mit gut organisierten, praxisnahen Ansätzen gelingen kann. Das Beispiel der über Lohnunternehmen organisierten Sammlung verdeutlicht, wie lokale Strukturen, klare Rollen und eine wirksame Kommunikation zu einem funktionierenden Recyclingsystem beitragen. Als Praxisbeispiel liefert es konkrete Einblicke, wie Agrarkunststoffe zirkulär geführt werden können – und wie sich vergleichbare Systeme auch in anderen Ländern Europas entwickeln und anpassen lassen.
Initiative ERDE / RIGK GmbH
Systemmanager Boris Emmel
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